Aachener Abendgespräche zur schulischen Inklusion

Dienstag, 03.11.2020, 18.30 Uhr

Menschen mit Autismus – Was ist hilfreich in der Schule? Bedürfnisse, Erfahrungen und Hilfen

Dr. Christine Preißmann (Dieburg, Hessen)

Heute geht man von einer Häufigkeit von etwa 1% für das Auftreten autistischer Störungen aus; gleichzeitig werden die Betroffenen durch die verbesserte Diagnostik auch im schulischen Alltag immer stärker präsent. Durch die spezifischen Auffälligkeiten gibt es zahlreiche Fragen und Missverständnisse. Mit gezielten Maßnahmen aber ist es durchaus möglich, auch Schüler*innen mit Autismus eine erfolgreiche Schulzeit zu ermöglichen. Die Referentin, die zugleich Ärztin und selbst Betroffene ist, schildert immer wieder eigene Erfahrungen. Dargestellt werden Schwierigkeiten, aber auch Ressourcen von Menschen mit Autismus sowie hilfreiche Maßnahmen zur Unterstützung im Schulalltag und auch darüber hinaus. Die Maßnahmen lohnen sich, denn viele Betroffene können mit der richtigen Hilfe ein schönes und erfülltes Leben führen. Auch durch ihr eigenes Beispiel möchte die Referentin hier ein bisschen Mut machen.

Dr. Preißmann ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Sie hält Vorträge und Seminare für Fachleute sowie selbst betroffene Menschen, Angehörige und Interessierte und veröffentlichte Ratgeber und Erfahrungsberichte, u.a.: Mit Autismus leben – eine Ermutigung (2020), Asperger – Leben in zwei Welten“ (2018, 3. überarb. Aufl.); Autismus und Gesundheit (2017), Überraschend anders – Mädchen und Frauen mit Asperger (2013); Gut leben mit einem autistischen Kind (2019, 2. Aufl. 2019).

Ausführliche Informationen zu allen Terminen können der Webseite des Lehr- und Forschungsgebiets Heterogenität am Institut für Erziehungswissenschaft der RWTH Aachen entnommen werden.

 

Dienstag, 01.12.2020, 18.30 Uhr

‚nicht normal‘ gemacht: Zur Konstruktion des Phänomens ADHS im sonderpädagogischen Fachdiskurs mit einem besonderen Blick auf Normierungen und Normalisierungen

Dr. des. Benjamin Haas (Universität Bremen)

Das Label ADHS fungiert im schulischen Kontext mittlerweile als eine Generalisierung ‚nicht_normaler‘ Verhaltensweisen und verweist gleichzeitig auf ein im Erziehungssystem bestehendes ‚Inklusionsproblem‘. Zudem führt der Mangel an erziehungswissenschaftlichen und inklusionspädagogischen Forschungen dazu, dass ADHS aus erziehungswissenschaftlicher Sicht weiterhin einen ‚unklaren Sachverhalt‘ darstellt und das obwohl der Umgang mit ADHS-spezifischen Verhaltensweisen als eine zentrale Bewährungsprobe inklusiver Bildungs- und Erziehungsangebote betrachtet wird. Von besonderer Bedeutung ist daher die Frage, wie das Phänomen ADHS auf dem sonderpädagogischen Feld hervorgebracht wird. Im Vortrag wird nachgezeichnet, auf welche Weise ADHS im sonderpädagogischen Fachdiskurs als eine Kategorie ‚nicht_normalen‘ Verhaltens konstruiert wird, welche Leerstellen hierbei identifiziert werden können und auf welche Weise das ‚Nicht_Normale‘ normiert und normalisiert wird.

Benjamin Haas hat nach dem Studium der Sonderpädagogik an der Universität Bremen als Lehrer im Gemeinsamen Unterricht an einer hessischen Gesamtschule gearbeitet, bevor er im Jahr 2013 an die Universität Bremen wechselte, wo er aktuell als Lektor für den Bereich Inklusive Pädagogik im Jugendalter tätig ist. Zu seinen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen neben theoretischen Zugängen zu Fragen der Inklusiven Pädagogik insbesondere diskurs-, macht- und normalismustheoretische Ansätze. Promotion zum Thema "Der AD(H)S-Diskurs in der Sonderpädagogik".

Ausführliche Informationen zu allen Terminen können der Webseite des Lehr- und Forschungsgebiets Heterogenität am Institut für Erziehungswissenschaft der RWTH Aachen entnommen werden.

 

Dienstag, 19.01.2021, 18.30 Uhr

Die Auswirkung einer Trisomie 21 auf Sprache, Denken und Verhalten – Folgen für einen fairen Nachteilsausgleich unter der Berücksichtigung von Neurodiversität

Prof. Dr. André Zimpel (Universität Hamburg)

In den letzten Jahrzehnten fand eine kognitive Revolution statt, die von den meisten Menschen verschlafen wurde. Die ersten Menschen mit Trisomie 21 haben einen Universitätsabschluss geschafft. Und doch haben Personen mit Trisomie 21 mit vielen Vorurteilen zu tun. Sie sind angeblich schon vor der Geburt geistig behindert, ohne einen Intelligenztest gemacht zu haben. Menschen mit Trisomie 21 erschließen sich Dinge anders als Menschen ohne diese genetische Abweichung. Die Neubewertung dieses Syndroms wirft also ein neues Licht auf das geistige Entwicklungspotenzial aller Menschen im gesamten Spektrum der Neurodiversität. Menschen mit Trisomie 21 stehen unversehens im Mittelpunkt eines Umdenkens, das nicht nur sie, sondern uns alle betrifft. Menschliche Intelligenz beruht vor allem auf Sozialkompetenz.

Prof. Dr. André Frank Zimpel studierte Mathematik, Malerei und Graphik, Sonderpädagogik, Psychologie und Neurologie in Magdeburg, Leipzig und Berlin; 1985 promovierte er in Psychologie. Von 1991 – 1992 war er Gastprofessor an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt (Main). 1993 erhielt er die Facultas docendi für Rehabilitationspsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. 1993 habilitierte er und erhielt die Venia legendi für Sonderpädagogik und Diagnostik an der Universität Bremen. Seit 1994 ist er Professor an der Universität Hamburg. Zwischen 2004 – 2005 übernahm er die Vertretungsprofessur "Geistigbehinderten- und Schwerstbehindertenpädagogik" an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seit 2008 leitet er eine Studie zur Verbesserung des Lernerfolgs von Menschen mit einer Trisomie 21. Seit 2015 leitet er das Zentrum für Neurodiversitätsforschung (ZNDF) in Hamburg/Eppendorf.

Ausführliche Informationen zu allen Terminen können der Webseite des Lehr- und Forschungsgebiets Heterogenität am Institut für Erziehungswissenschaft der RWTH Aachen entnommen werden.